19. Mai 2026, Thema: Bodenökotoxikologie Risikobewertung
Schweizer Greifvögel grossflächig mit Nagergiften belastet
Das Oekotoxzentrum hat Schweizer Greifvögel auf Rückstände von Nagergiften analysiert. Die Ergebnisse sind besorgniserregend: 92 % der untersuchten Mäusebussarde und Turmfalken waren mit diesen langlebigen Stoffen belastet. Während direkte Todesfälle durch eine Vergiftung selten waren, wirft die hohe subletale Belastung Fragen zur langfristigen Fitness unserer heimischen Greifvögel auf.
In der modernen Schädlingsbekämpfung sind Nagergifte aus der Gruppe der Antikoagulanzien das Mittel der Wahl gegen Ratten und Mäuse. Sie blockieren den Vitamin-K-Kreislauf in der Leber, was die Blutgerinnung unterbindet. Die Nagetiere sterben einige Tage nach der Aufnahme an inneren Blutungen. Doch dieser verzögerte Tod bringt ein ökologisches Problem mit sich: Die vergifteten Tiere werden zur leichten Beute für Greifvögel, die so das Gift mit der Nahrung aufnehmen und in ihrer eigenen Leber anreichern.
Ein grossflächiges Phänomen
In einer Pilotstudie hatte das Oekotoxzentrum bereits vor einigen Jahren festgestellt, dass einheimische Wildtiere oft mit Nagergiften belastet sind. Um die Belastungssituation in der Schweiz genauer zu bewerten, untersuchten die Forschenden des Oekotoxzentrums nun im Auftrag des Bundesamts für Umwelt und zusammen mit der Vetsuisse-Fakultät der Universitäten Zürich und Bern 103 Kadaver von heimischen Mäusebussarden und Turmfalken. Die Tiere wurden durch die Greifvogelstation Berg am Irchel, die Vogelwarte Sempach sowie die Wildstation Landshut zur Verfügung gestellt.
Die mittels Hochleistungs-Flüssigkeitschromatographie durchgeführten Analysen der Leberproben ergaben ein klares Bild: 92 % der untersuchten Vögel waren mit Nagergiften aus der Gruppe der Antikoagulanzien belastet. Die Konzentrationen reichten dabei von minimalen Spuren bis hin zu höheren Belastungen von 582 ng/g. «Wegen ihrer chemischen Eigenschaften werden die Substanzen sehr langsam abgebaut und können sich im Gewebe der Tiere anreichern», erklärt Studienleiterin Sibylle Maletz.
Gefährliche subletale Effekte
Eine zentrale Frage der Studie war die klinische Relevanz dieser Rückstände. Daher wurde die naheliegendste Todesursache der Tiere von Forschenden der Vetsuisse-Fakultät durch makroskopische Untersuchungen ermittelt. Nur bei etwa 4 % der Tiere wurden innere Blutungen, die auf Nagergifte hinweisen, als Todesursache vermutet. Die Mehrheit der Vögel verendete durch Ursachen wie Entkräftung und Nahrungsmangel im Winter sowie Infektionen oder durch Traumata aufgrund von Kollisionen.
«Doch man kann nicht davon ausgehen, dass die Belastung deshalb harmlos ist», sagt Sibylle Maletz. Fast die Hälfte der untersuchten Vögel (46 %) wies nämlich Konzentrationen von über 10 ng/g in ihrer Leber auf. In aktuellen Studien aus Nordamerika gilt dieser Wert als Schwelle, ab der negative Effekte möglich sind: Eine beeinträchtigte Blutgerinnung kann dazu führen, dass kleinere Verletzungen langsamer heilen. Die Tiere könnten lethargischer werden oder ihre Koordinationsfähigkeit verlieren. Dies könnte zu einem früheren Tod führen: Ein leicht benommener Bussard übersieht eher ein herannahendes Auto oder scheitert bei der Jagd. «Die Studie legt nahe, dass die Belastung durch Antikoagulanzien für die Tiere als zusätzlicher Stressfaktor fungieren könnte», sagt Sibylle Maletz. «So könnte sie die Resilienz der Vögel gegenüber natürlichen Gefahren herabsetzen.»
Monitoring wird ausgeweitet
Es sind bereits die nächsten Schritte geplant, um das ökologische Risiko besser zu verstehen: Zukünftige Untersuchungen sollen verstärkt spezialisierte Jäger wie Schleiereulen oder Steinadler einbeziehen. Zudem werden Methoden verfeinert, um die Belastung mittels Blutproben an lebenden Tieren zu messen. Dies würde es erlauben, nicht nur Totfunde zu analysieren, sondern die Belastung mit Antikoagulantien und den Gesundheitszustand ganzer Bestände in Echtzeit zu überwachen.
Da Greifvögel oft zusätzlich mit Schwermetallen oder Pestiziden belastet sind, könnte die Kombination dieser Schadstoffe mit den Antikogulanzien die Bestände gefährdeter Arten zusätzlich unter Druck setzen. Das Oekotoxzentrum empfiehlt daher, die Bemühungen zur Reduktion von Antikoagulanzien-Einträgen zu intensivieren und den Übergang zu weniger problematischen Alternativen, wie mechanischen Fallen oder weniger langlebigen Wirkstoffen, voranzutreiben.
Bericht
Anticoagulant rodenticides in Swiss birds of prey