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«Die Ökotoxikologie wird weiterhin an Bedeutung gewinnen» - im Gespräch mit Inge Werner

22. November 2019, Thema: Aquatische Ökotoxikologie Bodenökotoxikologie Sedimentökotoxikologie Risikobewertung

«Die Ökotoxikologie wird weiterhin an Bedeutung gewinnen» - im Gespräch mit Inge Werner

Die langjährige Leiterin des Oekotoxzentrums, Inge Werner, hat die Leitung per 1. September an Benoit Ferrari abgegeben. Hier reflektiert sie über die Vergangenheit und Zukunft der praktischen Ökotoxikologie in der Schweiz.

Was waren die wichtigsten Meilensteine, zu denen das Oekotoxzentrum in den letzten 9 Jahren beigetragen hat?

Ganz wichtig war die Einführung der 4. Reinigungsstufen für die grossen und ökologisch relevanten ARA. Als ich 2010 in die Schweiz kam waren die Studien dazu schon in vollem Gange Seit einigen Jahren liegt der Fokus auf den Pflanzenschutzmitteln und ihrem Einfluss auf Fliessgewässer. Wir waren an allen 3 NAWA SPEZ-Studien beteiligt, die dieses Thema intensiv untersucht haben. Bei der ebenso wichtigen Erarbeitung eines Bewertungsansatzes für die Qualität von Gewässersedimenten haben wir europaweit die Nase vorn, und sind sehr froh, dass dieses Thema in der Schweiz ernst genommen wird. Nun geht es im Rahmen des Aktionsplans Pflanzenschutzmittel mit Volldampf an die Bewertung der Bodenqualität. Dies ist eine grosse Herausforderung, da wir auch hier nicht auf internationale Vorbilder aufbauen können.

Wo stehen wir bei der Bewertung der Wasserqualität mit Biotests?

Leider noch nicht da, wo wir gerne wären. Die klassische Testbatterie (Alge, Daphnie, Fisch) bringt heutzutage wenig, da die ökotoxischen Effekte subtiler geworden sind. Wir sehen weniger Fischsterben, dafür aber eine langsame Abnahme von Populationen oder eine Zunahme von Krankheiten. Deshalb sind sensitive in vitro Biotests sehr wichtig für die Erkennung von Schadstoffwirkungen, auch wenn die Kommunikation solcher Ergebnisse schwieriger ist, als wenn die Daphnien im Becherglas tot umfallen.

Es gab wichtige Fortschritte bei der Standardisierung von Biotests zur Messung von Östrogenität und Fischtoxizität. Mittlerweile wird auch der Einsatz von Biotests für die Überprüfung von behandeltem Abwasser besser akzeptiert. Für das Monitoring der Gewässergüte haben wir in den letzten 5-10 Jahren enorm dazugelernt. Wir sind recht zuversichtlich, dass wir in absehbarer Zeit eine gut fundierte Biotestbatterie empfehlen können.

Wie sieht es bei der Bewertung der Sediment- und Bodenqualität mit Biotests aus?

Sedimente und Böden sind sehr heterogen, was die Anwendung von Biotests anspruchsvoller macht. Hier gibt es noch viel Forschungsbedarf. Wir setzen aber schon mehrere Sedimentbiotests ein, die wichtige Organismengruppen der benthischen Lebensgemeinschaft abdecken. Weiterhin arbeiten wir daran, einige gut bewährte in vitro Tests auch für Sedimentproben einsetzbar zu machen. Im Bodenbereich wissen wir weniger und müssen vieles neu erarbeiten, denn die Bodenökotoxikologie hat bisher bei den Behörden wenig Beachtung gefunden.

Wo liegen die Chancen und Herausforderungen der Ökotoxikologie für die Zukunft?

Ich denke, die Ökotoxikologie wird weiterhin an Bedeutung gewinnen, denn das Bewusstsein, dass wir Menschen eine intakte Umwelt brauchen und davon profitieren, wird in unserer Gesellschaft immer stärker. Leider hinken sowohl die akademische Lehre als auch die finanzielle Förderung ökotoxikologischer Forschung in den meisten Ländern hinterher. Es gibt noch sehr viele Fragen. Einen wichtigen Bedarf sehe ich in der Risikobewertung, sowohl für die Zulassung von Chemikalien als auch im Umweltmonitoring: Die Effektdatenlage ist für viele Arten unzureichend und es braucht bessere Modelle, damit wir gefährliche Stoffe gar nicht erst in die Umwelt bringen.

Wir bräuchten eigentlich auch einen neuen Wissenschaftszweig: die forensische Ökotoxikologie. Oft beobachten die Behörden Schäden in der Umwelt, z.B. kranke oder tote Organismen, deren Ursachen sie identifizieren müssen um effektive Massnahmen zu treffen. Da sind wir leider meistens hilflos, denn hier helfen Laboruntersuchungen nichts mehr. Biomarker, die wir in überlebenden Organismen oder noch frischen Gewebeproben untersuchen können, könnten uns Hinweise auf die Art der Stressoren geben. Insgesamt müssen wir unser Wissen über die Wirkungen von Schadstoffen auf einheimische Arten vergrössern.

Wie siehst du deine persönliche Zukunft?

Ich freue mich darauf, mehr Zeit für Hobbies, Freunde und Familie zu haben. Meine berufliche Erfahrung möchte ich gerne weiterhin nützlich einsetzen. Vor allem liegt mir am Herzen, einen Beitrag für die Aus- und Weiterbildung in der Ökotoxikologie zu leisten. In welcher Form dies möglich ist, muss ich noch herausfinden.

Kontakt

Dr. Inge Werner
Dr. Inge Werner E-Mail Kontakt Tel. +41 (0)58 765 51 21

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