02. Juni 2026, Thema: Aquatische Ökotoxikologie Risikobewertung
Uneinheitliche Chemikalienbewertung gefährdet Gewässerschutz in Europa
Eine neue Studie zeigt deutliches Verbesserungspotential bei der europäischen Chemikalienregulierung auf. Die Umweltrisikobewertung für ein und dieselbe Substanz kann je nach regulatorischem Kontext stark voneinander abweichen. Dies hat direkte Konsequenzen für den Gewässerschutz.
In der EU – und auch der Schweiz – unterliegen Chemikalien unterschiedlichen Rechtsrahmen, je nachdem, für welche Verwendung sie vorgesehen sind. Dieselbe Chemikalie eignet sich jedoch teils für verschiedene Zwecke: So kann ein Insektizid als Pflanzenschutzmittel zum Schutz von Nutzpflanzen, als Biozid zum Schutz von Textilien oder als Tierarzneimittel zum Schutz von Haus- oder Nutztieren verwendet werden und auch in einem industriellen Zusammenhang zum Einsatz kommen.
Damit werden einzelne Stoffe in verschiedenen Regelwerken reguliert, was zu Unterschieden bei der Bewertung führen kann. Das Oekotoxzentrum hat im Rahmen des EU-Projekts PARC zusammen mit Partnern aus Behörden in der Schweiz, in Deutschland und in Frankreich die Ursachen für solche Unterschiede näher untersucht. Als Fallbeispiel dienten die beiden Insektizide Deltamethrin und Imidacloprid. Die Studie vergleicht die Umweltrisikobewertung der Stoffe für Gewässer in fünf zentralen Regelwerken: REACH für Industriechemikalien, PPPR für Pflanzenschutzmittel, BPR für Biozide, VMPR für Tierarzneimittel, und die Wasserrahmenrichtlinie für die Bewertung von Gewässern.
Fallbeispiel Deltamethrin: Extreme Unterschiede bei Grenzwerten
Für das Insektizid Deltamethrin variierte der abgeleitete Schwellenwert für Wasserorganismen in den Regelwerken um mehr als drei Grössenordnungen – von sehr niedrigen Konzentrationen von 1,7 pg/L in der Wasserrahmenrichtlinie bis hin zu 3200 pg/L unter der PPPR. Diese Unterschiede beeinflussen direkt die Risikobewertung: Je nach Regelwerk ergeben sich unkritische Werte für die Gewässerbelastung oder massive Überschreitungen von Schwellenwerten, die auf ein erhebliches Risiko für Wasserorganismen hindeuten. Bei Imidacloprid lagen die Schwellenwerte in den verschiedenen Verordnungen zwischen 4,8 und 9 ng/L, also sehr nah beieinander.
Unterschiedliche Datengrundlagen, Methoden und Schutzziele
Für die inkonsistente Bewertung waren mehrere Ursachen verantwortlich: Die Datengrundlagen unterscheiden sich, da nicht alle verfügbaren Studien in allen Verfahren berücksichtigt werden oder teilweise schwer zugänglich sind. Regulatorische Studien werden nicht automatisch zwischen den zuständigen Behörden geteilt und nur Daten, die offiziell während des Zulassungsprozesses eingereicht werden, werden im Verfahren berücksichtigt. Die Bewertungsmethoden in den Verfahren sind nicht vergleichbar: Unterschiedliche Modelle, Annahmen und Sicherheitsfaktoren führen zu abweichenden Ergebnissen. Ausserdem unterscheiden sich die Schutzziele, weshalb unterschiedliche Risikoniveaus akzeptabel sind.
Ein weiteres Problem ist, dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse nur verzögert in regulatorische Entscheidungen einfliessen. Ein Beispiel ist Deltamethrin: Trotz Hinweisen auf Risiken für Wasserorganismen wurde die Zulassung mehrfach verlängert – die letzte Zulassung liegt schon mehr als 20 Jahre zurück.
Harmonisierte Bewertung als Lösungsansatz
Die EU-Kommission hat unter dem Schlagwort „One Substance – One Assessment“ eine einheitliche Bewertung von Chemikalien über alle Rechtsrahmen vorgeschlagen. Die Autorinnen der Studie unterstützen den Aufbau einer gemeinsamen Datenbank, die alle verfügbaren Studien über die verschiedenen regulatorischen Rahmen hinweg nutzbar macht und empfehlen unter anderem eine stärkere Harmonisierung von Bewertungsverfahren, eine bessere Integration von Monitoringdaten sowie automatisierte Mechanismen, um eine Risikobewertung bei neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu aktualisieren. «Es braucht mehr Zusammenarbeit zwischen den Behörden bei der Zulassung und der Bewertung von Chemikalien», sagt Alexandra Kroll. «Nur so lassen sich Risiken für Gewässer und Biodiversität frühzeitig erkennen und wirksam begrenzen.»